Gerade bei reifer Haut stellt sich deshalb eine wichtige Frage: Ist eine beschleunigte Hauterneuerung langfristig immer sinnvoll? Oder ist der Erhalt einer stabilen Hautbarriere wichtiger?
Gerade reife Haut braucht eine stabile Barriere
Wenn wir über Hautalterung sprechen, denken wir meist zuerst an sichtbare Veränderungen wie Falten, nachlassende Spannkraft oder erschlaffte Haut. Doch der Alterungsprozess betrifft nicht nur die Hautoberfläche, sondern vollzieht sich in allen drei Hautschichten: Epidermis, Dermis und Subkutis. Jede dieser Schichten verändert sich auf unterschiedliche Weise und trägt damit zum Erscheinungsbild alternder Haut bei.
Die äußerste Hautschicht, das Stratum corneum (Hornschicht), besteht aus flachen, abgestorbenen Hornzellen (Korneozyten). Diese sind in eine schützende Matrix aus Hautlipiden eingebettet und zusätzlich durch spezielle Zellverbindungen miteinander verbunden. Gemeinsam bilden sie eine stabile Hautbarriere und sorgen dafür, dass möglichst wenig Wasser aus der Haut verdunstet. Gleichzeitig schützen sie vor äußeren Reizen und Schadstoffen.
Mit zunehmendem Alter verlangsamt sich die Zellerneuerung. Die Haut wird dünner, empfindlicher und weniger widerstandsfähig. Auch die Zusammensetzung der hauteigenen Lipide verändert sich. Gleichzeitig nimmt die Fähigkeit der Haut ab, Barriereschäden zu reparieren und ihre Schutzfunktion wiederherzustellen.[2]
In der Dermis (Lederhaut) nimmt sowohl die Anzahl als auch die Aktivität der Fibroblasten ab. Diese sind für die Produktion von Elastin, Kollagen und Hyaluron zuständig. Dadurch verliert die Dermis ihre Dicke und mechanische Stabilität. Die Folgen sind Falten, Elastizitätsverlust und eine zunehmend erschlaffte Haut.[3]
In der Subkutis (Unterhaut) verändert sich mit zunehmendem Alter die Verteilung des Unterhautfettgewebes. Besonders im Gesicht nimmt das Volumen bestimmter Fettpolster ab. Hier spielt die Genetik eine entscheidende Rolle. Kosmetisch lässt sich jedoch vor allem an der Epidermis und Dermis ansetzen, um vorzeitiger Hautalterung vorzubeugen und sichtbaren Alterserscheinungen entgegenzuwirken.[3]
Retinoide können die Hautbarriere schwächen und den Feuchtigkeitsverlust erhöhen
Retinol kann die Verbindungen schwächen, die unsere Hornzellen in der Hautbarriere zusammenhalten. Dadurch lösen sich die Hornzellen schneller voneinander und werden verstärkt abgestoßen. Genau diesen Effekt zeigt auch eine Studie: Bei Mäusen führten 2 % Retinol zu größeren Abständen zwischen den Hornzellen und Veränderungen der Hornschicht.[1]
Die Hautbarriere verliert dadurch an Zusammenhalt und kann ihre Schutzfunktion schlechter erfüllen. Dadurch kann die Haut Feuchtigkeit schlechter halten und der Wasserverlust über die Haut, der sogenannte transepidermale Wasserverlust (TEWL), steigt.[1][4]
Das deckt sich mit den bekannten negativen Nebenwirkungen von Retinoiden wie trockener, schuppiger, geröteter, juckender oder brennender Haut.
Hautreizungen durch Retinol: Retinoid Dermatitis
Retinoid Dermatitis beziehungsweise Hautreizungen durch Retinol sind gut dokumentiert und werden auch nicht abgestritten. Retinol Befürworter argumentieren jedoch häufig, dass nach einer Eingewöhnungsphase, bei richtiger Dosierung und nicht zu häufiger Anwendung keine Reizungen mehr auftreten.
Eine Studie aus dem Jahr 2007 zeigte jedoch, dass selbst nach 24 Wochen bei der Mehrzahl der Probanden noch typische Hautreizungen durch Retinol auftraten. Dazu gehörten starke Trockenheit, Rötungen, Schuppung und Juckreiz. Und das, obwohl Retinol sehr vorsichtig mit bis zu drei Anwendungen pro Woche eingesetzt und bei stärkeren Reizungen sogar zwischenzeitlich pausiert wurde.[5]
Was wissen wir über die Langzeitfolgen von Retinol auf die Hautbarriere?
Die langfristige Wirkung von Retinoiden auf Falten und lichtbedingte Hautalterung ist vergleichsweise gut untersucht. Was langfristig mit der Hautbarriere passiert, ist jedoch kaum untersucht.
Untersuchungen zeigen, dass Retinol verschiedene Proteine beeinflussen kann, die essentiell wichtig für Verhornung, Hautbarriere und Zellzusammenhalt sind.[6] In einer einjährigen Untersuchung wurden unter Retinol beziehungsweise Retinsäure Veränderungen verschiedener Proteine der Epidermis festgestellt – darunter auch Proteine, die für die Struktur und den Zusammenhalt der Hautzellen relevant sind.[6]
Daraus lässt sich zwar nicht automatisch ableiten, dass Retinol die Hautbarriere bei jeder Anwendung dauerhaft schädigt. Die Ergebnisse zeigen allerdings, dass Retinoide langfristig in grundlegende biologische Prozesse der Epidermis eingreifen. Gerade bei empfindlicher, trockener oder bereits barrieregeschädigter Haut ist deshalb eine sorgfältige Abwägung zwischen erwünschter Wirkung und möglicher Irritation sinnvoll.
Retinol beeinflusst die Reifung und Abschuppung der Hornzellen. Dabei können auch Strukturen verändert werden, die für den Zusammenhalt der Korneozyten innerhalb der Hautbarriere wichtig sind. Eine Untersuchung an Mäusen mit 2 % Retinol zeigte unter anderem größere Abstände zwischen den Hornzellen sowie strukturelle Veränderungen des Stratum corneum.[1]
Wird die Barrierefunktion beeinträchtigt, kann die Haut Wasser schlechter zurückhalten. Der transepidermale Wasserverlust (TEWL) kann dadurch ansteigen.[1][4] Dies passt zu den bekannten Nebenwirkungen von Retinoiden: Trockenheit, Schuppung, Rötungen, Juckreiz und Brennen gehören zu den typischen Symptomen einer irritierten Haut.
Gerade für reife Haut ist dieser Aspekt relevant. Denn ihre Fähigkeit zur Regeneration der Hautbarriere ist ohnehin vermindert. Ein Wirkstoff, der einerseits gegen Zeichen der Hautalterung wirkt, andererseits aber die bereits anfälligere Barriere zusätzlich beanspruchen kann, sollte daher differenziert betrachtet werden.
Unser Ansatz: Nachhaltiges Slow Aging braucht eine gesunde Hautbarriere
Wir betrachten Hautalterung nicht nur als Folge von weniger Kollagen und nachlassender Hautstraffung. Für eine gesunde und widerstandsfähige Haut sind sowohl die äußere Hautschicht mit ihrer schützenden Hautbarriere als auch die tiefer liegende Dermis mit ihrem stützenden Gewebe entscheidend.
Deshalb verfolgen wir bei myrto einen anderen Ansatz: Wir setzen gezielt Wirkstoffe ein, welche die Hautalterung verlangsamen, ohne die Hautbarriere unnötig zu reizen. Denn es geht nicht nur darum, wie gut unsere Haut heute oder morgen aussieht, sondern auch, wie gesund und widerstandsfähig sie in 1, 2 oder 5 Jahren ist. Nur mit einem intakten Barriereschutz und einer Haut, die ihre Feuchtigkeit halten kann, gelingt wirklich nachhaltiges Slow Aging.
Dazu gehören unter anderem Wirkstoffe wie Bakuchiol , Signalpeptide , Barrierelipide und Antioxidantien.
Unsere Gesichtspflege ist deshalb bewusst auf eine langfristige Unterstützung der Hautbarriere ausgerichtet. Statt kurzfristig möglichst starke Reaktionen hervorzurufen, steht für uns die Balance zwischen hoher Wirksamkeit und optimaler Verträglichkeit im Mittelpunkt – mit einer intakten Hautbarriere, die Feuchtigkeit bewahrt und ihre natürliche Schutzfunktion zuverlässig erfüllt.
Fazit: Ist Retinol schädlich?
Kurzfristig scheint Retinol Falten zu reduzieren, gleichzeitig beeinträchtigt es jedoch die Schutzfunktion der Hautbarriere. Neben bekannten Nebenwirkungen wie Trockenheit, Schuppung, Rötungen, Juckreiz und Brennen greifen Retinoide in grundlegende Prozesse der Epidermis ein. Sie beeinflussen die Verhornung, lockern den Zusammenhalt der Hornzellen und verändern Strukturen, die für eine intakte Hautbarriere entscheidend sind.[1][4][6]
Besonders bei reifer, trockener, empfindlicher oder bereits barrieregeschädigter Haut sollte deshalb nicht ausschließlich die beschleunigte Hauterneuerung im Mittelpunkt stehen. Eine stabile Hautbarriere ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Haut Feuchtigkeit halten und ihre natürliche Schutzfunktion erfüllen kann.
Nachhaltiges Slow Aging bedeutet für uns deshalb nicht maximale Wirkstoffintensität, sondern eine langfristige Balance zwischen Wirksamkeit, Verträglichkeit und einer gesunden Hautbarriere.
Unsere Well Aging Produkte
Häufige Fragen zu Retinol und Hautbarriere
Ist Retinol schädlich für die Haut?
Neben den bekannten Nebenwirkungen von Retinol wie Juckreiiz, Rötungen oder Abschuppungen, greift Retinol in die Struktur der Hornschicht ein. Dabei kann es den Zusammenhalt der Hornzellen und beeinträchtigen damit die Hautbarriere schädigen. Die Folge ist ein erhöhter Feuchtigkeitsverlust: Die Haut wird trockener, empfindlicher und anfälliger für Irritationen. Bei langfristiger Anwendung wurden zudem anhaltende Veränderungen barrierewichtiger Strukturen und Proteine beobachtet.
Warum ist Retinol bedenklich?
Retinol greift tief in die Erneuerungs- und Differenzierungsprozesse der Epidermis ein. Dabei kann es die Struktur der Hornschicht verändern, den Zusammenhalt der Hornzellen lockern und so die natürliche Barrierefunktion schwächen. Die Folgen können erhöhter Feuchtigkeitsverlust, Trockenheit, Schuppung, Rötungen und anhaltende Irritationen sein. Bei übermäßiger Aufnahme von Vitamin A besteht zudem grundsätzlich das Risiko einer Anreicherung im Körper.
Welche Nebenwirkungen kann Retinol haben?
Zu den typischen Nebenwirkungen von Retinoiden gehören trockene Haut, Schuppung, Rötungen, Brennen und Juckreiz. Diese Hautreaktionen werden häufig als Retinoid-Dermatitis bezeichnet. Studien zeigen, dass solche Irritationen auch bei moderater Anwendung über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben können.
Warum ist Retinol für reife Haut problematisch?
Mit zunehmendem Alter regeneriert sich die Hautbarriere langsamer und kann Feuchtigkeit schlechter halten. Retinol beansprucht diese ohnehin empfindlichere Barriere zusätzlich und kann Trockenheit, Schuppung und Irritationen verstärken. Gerade bei trockener, sensibler oder barrieregeschwächter reifer Haut ist daher eine barriereorientierte Well-Aging-Pflege die schonendere Alternative.
Was passiert bei langfristiger Anwendung von Retinol?
Auch bei langfristiger Anwendung kann Retinol die Hautbarriere weiterhin belasten. Studien zeigen anhaltende Hautreizungen und Veränderungen von Proteinen, die für Verhornung, Zellzusammenhalt und Hautbarriere relevant sind. Eine beeinträchtigte Barriere verliert zudem mehr Feuchtigkeit, wodurch die Haut trockener und empfindlicher wird. Wie sich eine jahrelange Retinol-Anwendung auf die Hautbarriere auswirkt, ist bislang nur unzureichend untersucht.
Welche Alternative zu Retinol gibt es bei empfindlicher Haut?
Bakuchiol ist eine gut untersuchte pflanzliche Alternative zu Retinol. Studien zeigen eine Wirkung gegen Falten und Pigmentflecken bei gleichzeitig besserer Hautverträglichkeit als Retinol. Ergänzend eignen sich Signalpeptide wie Matrixyl, die gezielt altersrelevante Prozesse der Haut unterstützen, ohne die Hautbarriere zu reizen wie Retinoide.
Ist Bakuchiol eine Alternative zu Retinol?
Ja, Bakuchiol ist eine gut untersuchte pflanzliche Alternative zu Retinol und eignet sich besonders für empfindliche und reife Haut. Studien zeigen positive Effekte auf Falten und Pigmentflecken bei gleichzeitig besserer Hautverträglichkeit. Anders als Retinol verursacht Bakuchiol deutlich weniger Trockenheit, Schuppung und Irritationen und eignet sich daher besonders für eine sanfte, barriereorientierte Well-Aging-Pflege.
Was ist der Nachteil von Retinol?
Retinol kann die Haut stark reizen und die Hautbarriere schwächen. Es beeinflusst die Struktur der Hornschicht, indem es den Zusammenhalt der Hornzellen lockert und deren Abschuppung fördert. Dadurch kann die Barriere durchlässiger werden, der Feuchtigkeitsverlust steigen und die Haut trockener und empfindlicher werden. Typische Folgen sind Trockenheit, Schuppung, Rötungen, Brennen und Juckreiz, die auch bei längerer Anwendung bestehen bleiben können.
Quellen
[1] Kim MY, Lee SE, Chang JY, Kim SC. Retinoid Induces the Degradation of Corneodesmosomes and Downregulation of Corneodesmosomal Cadherins: Implications on the Mechanism of Retinoid induced Desquamation. Ann Dermatol. 2011;23(4):439–447. doi:10.5021/ad.2011.23.4.439.
[2] Ghadially R, Brown BE, Sequeira Martin SM, Feingold KR, Elias PM. The aged epidermal permeability barrier. Structural, functional, and lipid biochemical abnormalities in humans and a senescent murine model. J Clin Invest. 1995;95(5):2281–2290. doi:10.1172/JCI117919.
[3] Zouboulis CC, Makrantonaki E. Clinical aspects and molecular diagnostics of skin aging. Clin Dermatol. 2011;29(1):3–14. doi:10.1016/j.clindermatol.2010.07.001.
[4] Elias PM, Fritsch PO, Lampe M, et al. Retinoid effects on epidermal structure, differentiation, and permeability. Lab Invest. 1981;44(6):531–540. PMID: 6939940.
[5] Kafi R, Kwak HSR, Schumacher WE, et al. Improvement of Naturally Aged Skin With Vitamin A (Retinol). Arch Dermatol. 2007;143(5):606–612. doi:10.1001/archderm.143.5.606.
[6] Abed K, Foucher A, Bernard D, Tancrède Bohin E, Cavusoglu N. One year longitudinal study of the stratum corneum proteome of retinol and all trans retinoic acid treated human skin: an orchestrated molecular event. Sci Rep. 2023;13:11196. doi:10.1038/s41598-023-37750-5.